Traumfrau

Die „Neue“ in meiner literarischen Galerie hat noch keinen Namen und trägt noch keine Farben. Bevor ich als Autorin mit ihr was Ernsthaftes anfange, beobachte ich sie ein Weilchen, um mit ihr warm zu werden:

Ihr Haar ist kurz, sie hat einen schönen Mund. Auf langen Beinen stiefelt sie lässig durch die Welt, ihr Ziel immer fest im Blick. Sie nimmt sich das Leben, das sie möchte. Nach dem zweiten Espresso am Morgen beschließt sie ganz spontan, den nächsten Flug nach Buenos Aires zu nehmen. Etwas Wäsche zum Wechseln, Zahnbürste, Kreditkarte, Pass, ein Moleskin und eine Kamera fliegen in eine kleine Tasche, sie reist stets mit leichtem Gepäck.

In Buenos Aires lässt sie sich im Puls der Stadt durch die Straßen treiben. Eine kleine Bar, ein Glas Rotwein. Die Schönheit mit der Sanduhrfigur neben ihr am Tresen wirft ihr langes, dunkles Haar über die Schulter. Sie tanzen Tango, was sonst. Unsere Heldin lässt sich führen, verzaubert ruht ihr Blick auf halb gesenkten Lidern und einem leicht geöffneten Mund. Die Nacht ist wie ein Flug über einen Vulkan, so flirrend heiß, so gefährlich, so einzigartig.

Mit nachtumschattetem Blick sitzt sie morgens in einem Straßencafé, zieht weiter ihre Bahnen durch die Stadt, die so rational und kühl denkt, wie sie leidenschaftlich und heiß fühlt. Klare Linien treffen auf verwinkelte Plätze. Nachts tanzen dort Paare jenseits des Alters. Sie macht Notizen, fängt Gedanken in Worten auf, scribbelt Szenen. Sie fotografiert ein kunstvoll geschmiedetes Balkongitter; eine junge Frau, gedankenverloren aus dem Fenster blickend, das schmale Kinn in die Hand gestützt; den kunstvoll abblätternden Putz eines alten Hauses.

Nach fünf Tagen beschließt sie, nach Istanbul weiterzureisen.

Mit ruhigen Schritten, sie hat überhaupt einen sehr schönen Gang, was so bemerkenswert wie selten ist, durchquert sie die Abflughalle. Ihre Ausstrahlung lässt die Moleküle im Raum schneller tanzen.  Kate Moss schaut ihr bewundernd nach, George Clooney verschüttet seinen Nescafé bei ihrem Anblick.  Sie bemerkt nichts davon, ein Lächeln liegt auf ihrem Gesicht. Sie spürt sich selbst, jede Faser ihres Körpers und ihrer Seele. Das beste Gefühl der Welt.